Mauertoten einen symbolischen Platz gegeben

Gedenken zum 60. Jahrestag des Mauerbaus

 

(14.08.2021)  Ein Gedenken der besonderen Art erlebten die 250 bis 300 Teilnehmenden am Nachmittag des 13. August am ehemaligen Grenzturm in Bergfelde. Anlässlich des 60. Jahrestags des Mauerbaus fand hier die Zentrale Gedenkveranstaltung des Landes Brandenburg für all jene statt, die zwischen den Jahren 1961 und 1989 nach Fluchtversuchen oder bei anderen Zwischenfällen an den Sperranlagen ihr Leben verloren hatten.

Bürgermeister Apelt dankt Schutzgemeinschaft Deutscher Wald

„Wir fühlen uns geehrt, das heutige Gedenken gemeinsam mit dem Landtag Brandenburg, der Landesregierung und der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur ausrichten zu dürfen“, betonte Hohen Neuendorfs Bürgermeister Steffen Apelt in seiner Begrüßungsrede.

Explizit dankte er der Schutzgemeinschaft Deutscher Wald (SDW), „ohne deren ehrenamtliche Arbeit diese Veranstaltung heute hier vermutlich nicht stattfinden würde“. Die SDW kümmerte sich, neben ökologischer Bildungsarbeit und Naturschutz, insbesondere in den letzten Jahren um den Aufbau und Erhalt einer Erinnerungskultur rund um die Mauergeschichte an diesem Standort.

Landtagspräsidentin Liedtke: „In jedem einzelnen Fall eine Tragödie“

„Mehr als 40.000 Menschen flüchteten allein über DDR-Grenzanlagen. Die meisten in den ersten Jahren, als die Sperren noch nicht ganz so undurchlässig waren“, verdeutlichte die Präsidentin des Brandenburgischen Landtags, Prof. Dr. Ulrike Liedtke, die die zentrale Gedenkrede hielt. Jene, die blieben, mussten mit allgemeinen Repressionen bei Kritik an Regierung oder Staat rechnen. „Jeder kannte jemanden, der in Ungnade gefallen war, beruflich keine Chance mehr hatte, ausreisen wollte, die Flucht gewagt hatte - mit unterschiedlichem Ausgang“, so Liedtke.

Für 140 Menschen bedeutete die Mauer der Tod. „In jedem einzelnen Fall war und ist das eine Tragödie.“ Liedtke appellierte, das damalige Unrecht weiterhin aufzuarbeiten und keine neue Teilung des Landes, auch nicht in den Köpfen, zuzulassen.

Namensschilder für 140 leere Stühle

Beim anschließenden Gedenken wurden die Namen der 140 Maueropfer und ihre Todesumstände verlesen: Vom zweijährigen Holger, der bei der Flucht mit seinen Eltern erstickte, bis zur 80-jährigen Olga Segler, die an den während ihrer Flucht zugezogenen Verletzungen starb.

Im Schnitt waren die Opfer circa 25 Jahre alt. Viele waren so jung wie die SDW-Mitglieder, die das Gedenken mitgestalteten. Diese trugen das jeweilige Namensschild zu einem der 140 leeren Stühle, die das Fehlen der Maueropfer in unserer heutigen Zeit symbolisierten - und gaben ihnen damit einen Platz im Hier und Jetzt.

Verlesen wurden die Namen von politischen Ehrengästen wie Brandenburgs Ministerpräsidenten Dr. Dietmar Woidke, Berlins Regierendem Bürgermeister Michael Müller, dem Vorsitzenden des Berliner Abgeordnetenhauses Ralf Wieland, Landtagspräsidentin Liedtke, dem Bundesvorsitzenden der Union der Opferverbände Kommunistischer Gewaltherrschaft (UOKG) Dieter Dombrowski, Agrarminister Axel Vogel sowie von den Bürgermeistern der Grenzbezirke und -kommunen.

Eindrucksvolle und würdige Inszenierung

Das Gedenken endete mit einer Schweigeminute für die Maueropfer vor den aufgebauten Kränzen. Die musikalische Umrahmung gestaltete stilvoll ein Ensemble der Berliner Cellharmoniker.

Es war eine eindrucksvolle und würdige Inszenierung auf der Waldlichtung direkt am Mauerweg, die im Beisein vieler Angehöriger, Familien von Opfern und Zeitzeugen stattfand.

Einige Besucherinnen und Besucher nutzten die Möglichkeit, das temporäre „Ge(h)denken“, welches über das Wochenende stehenblieb, im Anschluss zu begehen.

Zeitzeugengespräch und Kurzfilme

Während der Großteil der Gäste die Veranstaltung nach dem zentralen Gedenken verließ, ließen sich andere beim Zeitzeugengespräch und einigen Kurzfilmen noch einmal in die damalige Zeit zurückversetzen.

So berichteten die ehemalige Oppositionelle Ulrike Poppe, Bürgerrechtler Volker Schobeß und Joachim Rudolph, Zeitzeuge des Volksaufstands vom 17. Juni 1953, von ihren damaligen Erfahrungen. Moderiert wurde das Gespräch von Dr. Maria Nooke, der Landesbeauftragten zur Aufarbeitung der Folgen der kommunistischen Diktatur.

Unter dem Titel „Zeitschnitt Spezial – Die Mauer im Spiegel von Kurzfilmen aus vier Jahrzehnten“ präsentierte Filmhistoriker Dr. Claus Löser in Kooperation mit dem Filmmuseum Potsdam zum Abschluss sechs Kurzfilme.

Auf dem Turmgelände konnten sich die Gäste mit Bratwurst, Tomatensuppe und Getränken stärken. Wichtig für die SDW-Mitglieder, die an den nächsten beiden Tagen eine Verpflegungsstation im Rahmen des Berliner Mauerweglaufs betreuten, der seit 2011 in Gedenken an die Maueropfer durchgeführt wird.

Wer die Veranstaltung verpasst hat, findet den teilmoderierten Live-Mitschnitt vom rbb in der Mediathek und auf Youtube. Ein Livestream inklusive Zeitzeugengespräch ist hier zu finden.

Im Vordergrund die Gedenkkränze, im Hintergrund die Namensverlesenden
250 bis 300 Teilnehmende verfolgten das zentrale Gedenken vor Ort.
140 leere Stühle symbolisieren die Lücken und fehlenden Plätze, die die Maueropfer bis heute hinterlassen.
Junge Mitglieder der SDW brachten die Namensschilder zu den leeren Plätzen.
Die musikalische Umrahmung gestaltete stilvoll ein Ensemble der Berliner Cellharmoniker.