Schützenswerte Kunst im öffentlichen Raum

Podiumsdiskussion am 21. Mai 2026 zum Thema "Der Wert von Kunst im öffentlichen Raum"
Podiumsdiskussion am 21. Mai 2026 zum Thema "Der Wert von Kunst im öffentlichen Raum"

(26. Mai 2026)

Der öffentliche Raum ist weit mehr als das bloße Funktionieren einer Stadt – er ist ein Ort des demokratischen Austauschs, der Begegnung und auch der visuellen Inspiration. Wie verankert und zugleich verletzlich die Kunst in der Stadtgesellschaft ist, zeigte sich am 21. Mai 2026 bei der zweistündigen Podiumsdiskussion im Ratssaal von Hohen Neuendorf. Anlass des Abends war die wiederholte Zerstörung der „Friedensfrau“ des Künstlers Berndt Wilde auf dem Skulpturen Boulevard. Die Veranstaltung diente vor allem dazu, Vorschläge zur Vandalismusprävention zu erörtern und die Bedeutung von Kunst im öffentlichen Raum in der Stadt Hohen Neuendorf zu analysieren.

Historische Einordnung und die Bedeutung des Skulpturen Boulevards

Der Moderator des Abends, Martin Schönfeld vom Büro für Kunst im öffentlichen Raum (kulturwerk des bbk Berlin), leitete die Runde mit einer historischen Einordnung ein. Er verdeutlichte, dass Kunst im öffentlichen Raum eine Errungenschaft der Kulturgeschichte darstellt. Während Kunstwerke in der Antike oder dem Kaiserreich primär der Demonstration von Macht dienten, wandelte sich ihr Charakter erst im 19. Jahrhundert mit dem Erstarken einer bürgerlichen Stadtgesellschaft hin zu Denkmälern für Literaten und Denker. Erst mit dem Einzug der Demokratie im 20. Jahrhundert entwickelte sich der bis heute gültige gesellschaftliche Auftrag, Kunst barrierefrei und für jeden Menschen frei zugänglich zu machen. Schönfeld hob hervor, dass der Skulpturen Boulevard ein absolutes Alleinstellungsmerkmal für die Stadt Hohen Neuendorf darstellt und bezeichnete das interkommunale Projekt ausdrücklich als einen echten Leuchtturm.

In der anschließenden Diskussion entfaltete sich ein Gespräch zwischen den vier Podiumsgästen, das die Relevanz des Themas aus unterschiedlichen Blickwinkeln beleuchtete. Bürgermeister Steffen Apelt setzte dabei ein klares Signal und betonte den Wert der Stadt Hohen Neuendorf und Gemeinde Birkenwerder als Kulturstandorte. Er erklärte: „Wir sind eine Kunst- und Kulturstadt. Als Bürgermeister macht es mich stolz zu sehen, wie viel auf Vereinsbasis und durch ehrenamtliches Engagement getragen wird.“ Gleichzeitig plädierte er für eine offene Debattenkultur. Kunst im öffentlichen Raum müsse und solle als verbindendes Element wirken, auch wenn sie heftige Debatten oder Kontroversen auslöse.

Roland Matticzk vom Verein Skulpturen Boulevard e.V. skizzierte die Entwicklung der 2017 gegründeten Open-Air-Galerie, die im nächsten Jahr ihr zehnjähriges Bestehen feiert. Er erläuterte den konzeptionellen Ansatz, Kunst direkt auf die Straße zu bringen, um Schwellen systematisch abzubauen. Die temporäre Ausstellung, bei der die Skulpturen alle drei Jahre wechseln, fördere die fortlaufende Auseinandersetzung. Die Identifikation der Bevölkerung mit dem Boulevard sei vorhanden, und der streitbare Diskurs um die Werke werde als konstruktiver Erkenntnisgewinn verstanden. Er gab jedoch zu bedenken, dass neben dem materiellen Schaden auch die psychischen Spuren bei den Kunstschaffenden nach einer Zerstörung tief greifen und das Ehrenamt an seine Belastungsgrenzen stoße.

Sieglinde Schütrumpf, Vorsitzende des Kulturbeirats fokussierte sich auf die integrative Kraft der Kunst. Das Gremium befasst sich aktuell mit dem von der SVV beschlossenen Kulturpfad, der die vier Stadtteile räumlich und sozial über Kunst- und Kulturwerke verbinden soll. Kunstobjekte müssten im Raum greifbar und nutzbar sein, um feste Orte der Begegnung im Stadtgebiet zu etablieren. Mit Blick auf die anstehende Eröffnung des Kulturbahnhofs betonte sie die fundamentale Bedeutung kultureller Bildung und der frühzeitigen Einbindung von Jugendlichen.

Der bildende künstlerische Podiumsgast Sven Kalden definierte den öffentlichen Raum als einen dezidierten Aushandlungsraum, der im Gegensatz zur klassischen Galerie keine festen Erwartungen an Kunst stellt und von den Passanten oft zunächst nicht als Kunstraum wahrgenommen werde. Er forderte von den Kunstschaffenden eine stärkere Verzahnung der Werke mit der konkreten Umgebung sowie eine bewusste Auseinandersetzung mit der Geschichte und dem Kontext des Ortes. Ein Kunstwerk müsse in einen echten Dialog treten. Zudem plädierte er für einen resilienten Umgang mit Vandalismus: Da Zerstörung leider Teil der gesellschaftlichen Lebenswirklichkeit sei, müsse diese Realität als Thema in die künstlerische Arbeit und die gesellschaftliche Diskussion integriert werden, um sich im öffentlichen Raum aktiv zu behaupten.

Publikumsbeteiligung und Lösungsansätze für die Zukunft

Die Beiträge aus dem Publikum ergänzten die Diskussion um praktische Perspektiven und bestätigten die von der Verwaltung und dem Kulturbeirat hervorgehobene verbindende Funktion von Kunst. Es wurde unter anderem angeregt, die Einwohner künftig noch frühzeitiger und besser über den Aufbau neuer Skulpturen zu informieren, um die Akzeptanz durch frühzeitige Teilhabe zu steigern. Auch das Konzept von Patenschaften für einzelne Kunstwerke nach dem Vorbild anderer Städte wurde als sinnvolle Maßnahme eingebracht, um durch eine kontinuierliche Betreuung der Standorte Vandalismus entgegenzuwirken.

Zum Abschluss der Veranstaltung fasste Martin Schönfeld konkrete Vorschläge zusammen, um die Kunst im öffentlichen Raum besser zu schützen. Im Vorfeld von Jurysitzungen könnten Beteiligungsprozesse wie temporäre Ausstellungen der Entwürfe oder Schülerworkshops etabliert werden, um Beteiligungs- und Identifikationsmöglichkeiten zu geben. Allerdings räumte er ein, dass solche Verfahren sehr aufwendig sind und Personalkapazitäten erfordern. Neben technischen Präventionsmaßnahmen wie Bewegungsmeldern in Abstimmung mit der Polizei sei die kontinuierliche Pflege der Orte entscheidend, da Vernachlässigung weiteren Verfall anziehe, wenn Vandalismus nicht sofort entfernt werde.

Am Ende der zweistündigen Debatte stand jedoch die Kernbotschaft des Abends im Vordergrund: Kunst im öffentlichen Raum bietet eine unersetzliche, reale ästhetische Erfahrung und ein körperliches Erfahrungspotenzial, das im digitalen Raum so nicht existiert. Sie bricht die Alltagsroutine physisch auf und führt der Stadtgesellschaft vor Augen, dass ein städtischer Raum nicht nur ein funktionierender Organismus ist, sondern über ideelle Werte definiert wird, die es gemeinsam zu schützen gilt.